Ex 20,22
Oliver Achilles
וַיֹּאמֶר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה כֹּה תֹאמַר אֶל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל אַתֶּם רְאִיתֶם כִּי מִן־הַשָּׁמַיִם דִּבַּרְתִּי עִמָּכֶֽם׃
²² Und der HERR sprach zu Moses: So sollst du zu den Kindern Israel sprechen: Ihr habt gesehen, dass ich vom Himmel mit euch gesprochen habe.
Und der HERR sprach
Tertullian: Das sind die Aussprüche, die zuerst durch Moses vom Herrn getan wurden, und sie sind natürlich gerichtet an alle die, welche er als Herr und Gott Israels ebenso aus dem Ägypten der abgöttischen Heidenwelt und aus dem Hause menschlicher Knechtschaft herausgeführt hat. Allein auch in der Folgezeit hallt der Mund eines jeden der Propheten von den Worten desselben Gottes wieder.
Scorpiace II,2; Ü: Heinrich Kellner für die BKV
Jean Calvin: Wie er aber das Volk des Alten Bundes nicht an die Engel
verwiesen hat, sondern ihm von der Erde
her Lehrer
erweckte, die das Amt der Engel in Wahrheit ausüben sollten, so will er uns auch heute noch durch Menschen
unterweisen. Und wie er sich einst nicht mit dem Gesetz allein
begnügte, sondern auch die Priester als dessen Ausleger
hinzugab, aus deren Munde das Volk den wahren Sinn des Gesetzes erforschen sollte, so will er auch heute nicht nur, daß wir fleißig in der Schrift
lesen, sondern er setzt auch Lehrmeister
über uns, durch deren Dienst wir Hilfe empfangen sollen.
Institutiones IV,1,5; Ü: Otto Weber (⁶1997) S. 687
Konzil von Trient: Das hochheilige ökumenische und allgemeine Konzil von Trient (…) folgt dem Beispiel der rechtgläubigen Väter und nimmt an und verehrt mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit und der gleichen Ehrfurcht alle Bücher sowohl des Alten als auch des Neuen Testamentes, da der eine Gott Urheber von beiden ist.
DSH 1501
Karl Barth: Gottes Wort ist Gott selbst in der heiligen Schrift. Denn nachdem Gott als der Herr einmal zu Mose und zu den Propheten, zu den Evangelisten und Aposteln geredet hat, redet er durch deren geschriebenes Wort als derselbe Herr zu seiner Kirche. Die Schrift ist heilig und Gottes Wort, indem sie der Kirche durch den Heiligen Geist zum Zeugnis von Gottes Offenbarung wurde und werden wird.
Kirchliche Dogmatik: Die Lehre vom Wort Gottes. Zweiter Halbband (⁴1948) S. 505
Martin Noth: Abgesehen von dem Anhang 23,20-33 handelt es sich in 2. Mos. 20,22-23,33 um eine Zusammenstellung von Rechtssätzen verschiedener Form und verschiedenen Inhalts, die nach 24,7 als „Bundesbuch“ bezeichnet zu werden pflegt. Es ist wahrscheinlich, daß diese Zusammenstellung einmal ein selbstständiges Rechtsbuch gebildet hat, das als schon geschlossene Einheit in die Pentateuch-Erzählung eingeschaltet worden ist.
Das zweite Buch Mose (1959) S. 139
Zweites Vatikanisches Konzil: Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift enthalten ist und vorliegt, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden; denn aufgrund apostolischen Glaubens gelten unserer heiligen Mutter, der Kirche, die Bücher des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind.
Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ 11
Päpstliche Bibelkommission: So spiegelt z.B. das Bundesbuch (Ex 21-23) eine andere politische, soziale und religiöse Situation der israelitischen Gesellschaft wieder als die anderen Gesetzessammlungen im Deuteronomium (Dtn 12- 26) oder im Buch Levitikus. (Heiligkeitsgesetz, Lev 17 -26).
Die Interpretation der Bibel in der Kirche (1999) I.A.4
William M. Schniedewind: Welche Wörter werden verwendet, um die erste Offenbarung am Sinai zu beschreiben? Sie haben es mit Sprechen zu tun, nicht mit Schreiben. Sie haben es mit Mündlichkeit zu tun, nicht mit Textualität. (…) Gott beauftragt Moses die Israeliten an das zu erinnern, was sie selbst gesehen haben - dass Gott vom Himmel mit dem Volk gesprochen hat (Ex 20,22). Es ist eine wahrhaft erstaunliche Beobachtung, dass Schreiben bei der Offenbarung am Berg Sinai in Exodus 19 keine Rolle spielt. Schreiben spielt keine Rolle bei der Gabe der Zehn Gebote in Exodus 20. Schreiben spielt keine Rolle in dem sogenannten Bundesbuch in Exodus 21-23. Irgendwie scheint sich die Erzählung von der Offenbarung in Exodus 19-23 nicht bewusst zu sein, dass die Torah ein Text ist.
How the Bible became a Book (2005) S. 121
Ihr habt gesehen, dass ich vom Himmel mit euch gesprochen habe
Philo von Alexandria: Denn welches Leben ist besser als das betrachtende oder dem Leben des Logos näherkommend? Deswegen auch – während die Stimme der sterblichen Lebewesen als Beurteilungsmerkmal das Hören hat – zeigen die Orakelsprüche die Worte Gottes nach Art des Lichts als solche an, die gesehen werden; es heißt nämlich „das ganze Volk sah seine Stimme“ (Ex 20,18), nicht „hörte“, da das, was sich ereignete, nicht ein Schlagen der Luft war durch die Instrumente des Mundes und der Zunge, sondern ein Licht der Tugend, und zwar das rundum strahlendste, nicht unterschieden von der Quelle des Logos, welches auch an anderer Stelle auf diese Weise verkündet wird: „Ihr habt gesehen, dass ich aus dem Himmel zu euch gesprochen habe“ (Ex 20,22), nicht „ihr habt gehört“, aus dem gleiche Grund.
De migratione Abrahami 47; Ü: Heinz-Günther Nesselrath: Abrahams Aufbruch (2017) S. 45
Karl-Heinz Bernhardt: Es handelt sich hier nicht um Höhrwahrnehmungen in einer Vision, sondern umgekehrt um die Beobachtung einer Audition in ihren äußeren Vorgängen. Die Israeliten beobachten, wie Gott mit Mose redet, und zwar aus der Ferne, da sie selbst nicht herzutreten wagen, „wir möchten sonst sterben“ (Vers 18.19).
Karl-Heinz Bernhardt: Gott und Bild. Ein Beitrag zur Begründung und Deutung des Bilderverbotes im Alten Testament. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1956; Band II, S. 76 Fn 1
Anmerkung: In Ex 19,18 hieß es, dass Gott auf den Berg Sinai hinabstieg, um mit Moses zu reden. Warum sagt der HERR dann an dieser Stelle, dass er vom Himmel herab mit Moses geredet habe?
Mekhilta de-Rabbi Jishma'el: Das lehrt, daß Gott die unteren Himmel und die obersten Himmel auf den Gipfel des Berges niederbeugte und die Herrlichkeit (Gottes) herabstieg und sich auf dem Berg Sinai ausbreitete, wie ein Mensch ein Kissen auf dem Bett ausbreitet und wie ein Mensch, der vom Kissen herab redet.
Traktat Baḥodesh 4; Zitiert nach:Günter Stemberger: Mekhilta de-Rabbi Jishma'el. Ein früher Midrasch zum Buch Exodus. Verlag der Weltreligionen, Berlin 2010, S. 264
Abraham Ibn Ezra: Viele haben sich [bei der Auslegung dieser Bibelstelle] verfangen. Weil sie [den Schriftvers] gefunden haben: Und seine Worte hörtest du mitten aus dem Feuer (Dtn 4,36), [folgerten sie,] dass er auf dem Berg Sinai war [als er mit Mose sprach]. Denn es ist geschrieben: Und der HERR war herabgestiegen auf den Berg Sinai, auf den Gipfel des Berges (Ex 19,20). Aber jetzt sagt er: Vom Himmel habe ich mit euch gesprochen (Ex 20,22). Und wer auch immer Verstand hat, wird den Sinn verstehen [so wie ich ihn] in der Paraschah Ki Tissa [zu Ex 33,21 erklärt habe]. Jetzt nur ein Beispiel für Dich: Vielleicht wird [dann] verstehen, wer keinen Verstand hat. Angenommen, da ist etwas wie das Bild eines Menschen – sein Kopf ist im Himmel und seine Füße sind auf dem Berg Sinai. Und das ist der Sinn von und er war herabgestiegen (Ex 19,20; s.o.). Und er spricht vom Himmel. [Das ist] wie [in dem Vers]: Und seine Füße werden an diesem Tag auf dem Ölberg stehen (Sach 14,4). Denn wir wissen, dass seine Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt.
Kommentar zu Ex 20,19